Der ehemalige Trocknungsturm ist eine Besonderheit. Die Region ist geprägt von typähnlichen Tabaktrocknungsschuppen, doch in Grandchamp wurde im 18. Jahrhundert eine Indienne-Manufaktur gegründet. Als diese 1839 Konkurs anmeldete, zog eine Bleiche für Baumwolle aus Manchester auf das Areal im Osten von Boudry, das heute ein Ortsbildschutz ISOS-Perimeter ist. Die wasserintensive Produktion nutzte die nahe Areuse. 1931 zog eine klösterlich geprägte Frauengemeinschaft auf das Areal, das auch mehrere Massivbauten umfasst. 1952 nahmen die Schwestern die Regeln von Taizé an. In den Annalen des Klosters wie auch im ISOS wird der ehemalige Trocknungsturm als Getreidespeicher beschrieben – wohl eine Zwischennutzung. Die Umnutzung zur Kapelle stellt einen Glücksfall dar. Der hochaufragende Ständerbau mit Auskreuzungen – die zu trocknenden Stoffbahnen waren lang – gründet auf einem massiven Sockelgeschoss und bildet heute zusammen mit einem Anbau ein eindrucksvolles Raumerlebnis. Die vertikale Holzverschalung wurde erneuert und mit unterschiedlichen, schmalen Fensterformaten durchbrochen: Corbusiers Ronchamp auf Bretterebene. Das offene Dachwerk, das ein Krüppelwalmdach trägt, ist durch Ankerbalken und einen liegende-Stuhl-Konstruktion geprägt. Somit gehört der Trocknungsturm zu den wenigen seiner Art, dessen Charakter noch erhalten ist resp. wiederhergestellt wurde.
Ehrensberger, Ingrid. Die Indienne-Druckerei im Drei-Seen-Land im 18. und 19. Jahrhundert, in: Seebutz 4/2003, S. 29–49.
Bilder














